Gute Betreuung macht den Unterschied
Wie Aufmerksamkeit im Alltag die Lebensqualität im Pflegeheim stärkt
Angehörige bemerken oft als Erste, wenn sich im Alltag eines nahestehenden Menschen etwas verändert. Dann stellt sich die Frage: Ist das einfach Teil der Situation – oder lässt sich etwas verbessern?
Er sitzt im Stübli – und schläft
Herr Keller sitzt im Stübli des Pflegeheims und schläft. Früher war er täglich draussen unterwegs, traf Freunde und war gerne in Bewegung. Still zu sitzen war nie seine Art.
Seit einigen Wochen lebt er im Pflegeheim. Bei ihm wurde eine beginnende Demenz festgestellt. Die Pflege erklärte der Familie, sein Tag-Nacht-Rhythmus habe sich verschoben. Deshalb sei auch die Medikation angepasst worden, damit er nachts ruhiger werde.
Seither schläft Herr Keller tagsüber immer häufiger. Er verbringt oft viele Stunden im Stübli, verschläft manchmal Mahlzeiten und hat in einem Monat drei Kilogramm Gewicht verloren. Was seine Tochter besonders beschäftigt: Seit seinem Eintritt ist noch nie jemand mit ihm spazieren gegangen.
Nachts ist er unruhig und räumt Schränke aus. Diese wurden inzwischen abgeschlossen.
Frau Keller weiss, dass der Alltag in einem Pflegeheim anspruchsvoll ist und das Personal oft unter Zeitdruck steht. Und doch bleibt ihre Frage: Müsste Betreuung nicht mehr sein als reine Versorgung?
Gute Betreuung ist mehr als Pflege
Der Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim ist für viele Menschen ein grosser Einschnitt. Neben Pflege und medizinischer Versorgung spielt deshalb auch die Betreuung im Alltag eine wichtige Rolle. Gute Betreuung bedeutet, dass Bewohnerinnen und Bewohner trotz gesundheitlicher Einschränkungen möglichst selbstbestimmt leben können.
Oft sind es kleine Dinge, die viel bewirken: ein kurzer Spaziergang, ein Gespräch beim Frühstück, ein Glas Wasser, das rechtzeitig bereitsteht, oder ein Tagesablauf, der zu den Gewohnheiten einer Person passt.
Gerade für Menschen mit Demenz können Bewegung, Orientierung und persönliche Zuwendung helfen, den Alltag stabiler und angenehmer zu gestalten. Gute psychosoziale Betreuung stärkt das Wohlbefinden, unterstützt die Pflege und hilft mit, dass Menschen sich weiterhin als Teil einer Gemeinschaft fühlen.
Woran zeigt sich gute Betreuung?
Gute Betreuung zeigt sich vor allem im Alltag:
- wenn auf den individuellen Tagesrhythmus Rücksicht genommen wird
- wenn Zeit für Gespräche und persönliche Begegnungen bleibt
- wenn Aktivitäten zu den Interessen, Fähigkeiten und der Lebensgeschichte passen
- wenn Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag mitwirken können
- wenn Angehörige einbezogen und über wichtige Entwicklungen informiert werden
- wenn Beobachtungen, Anliegen und Rückmeldungen ernst genommen werden
Auch Aufenthaltsräume, Cafeterien oder Gärten können dazu beitragen, dass Menschen sich weniger allein fühlen und am Leben in der Institution teilhaben.
Angehörige sind wichtige Partner
Angehörige kennen die Gewohnheiten, Wünsche und die Lebensgeschichte der Bewohnerinnen und Bewohner oft besonders gut. Ihre Beobachtungen können helfen, die Betreuung individueller zu gestalten. Ein offener Austausch mit den Mitarbeitenden im Heim ist deshalb wichtig.
Drei Fragen, die Angehörige stellen dürfen:
- Wie wird der Alltag meines Angehörigen gestaltet?
- Wie wird auf persönliche Gewohnheiten Rücksicht genommen?
- Wer ist meine Ansprechperson bei Fragen oder Sorgen?
Ein offener Austausch schafft die Grundlage, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.
Wenn Fragen oder Schwierigkeiten bleiben
Wenn sich Fragen oder Schwierigkeiten nicht im direkten Austausch klären lassen, kann es hilfreich sein, eine neutrale Stelle beizuziehen.
Die Ombudsstelle für pflegebedürftige Menschen Kanton Aargau und die Ombudsstelle soziale Institutionen Kanton Solothurn unterstützen Bewohnerinnen und Bewohner sowie Angehörige bei Fragen, Unsicherheiten oder Konflikten im Zusammenhang mit Alters- und Pflegeinstitutionen.
Die Mitarbeiterinnen der Ombudsstellen hören zu, helfen bei der Klärung und vermitteln zwischen den Beteiligten – unabhängig, vertraulich und kostenlos.
Denn das gemeinsame Ziel ist klar: gute Betreuung und möglichst viel Lebensqualität im Alltag.
Literatur: Paul Schiller Stiftung, ARTISET und ihr Branchenverband CURAVIVA (2026): Leitfaden für gute Betreuung in Altersinstitutionen. Zürich und Bern.